„Längst kein Einzelschicksal am Rande der Gesellschaft mehr“: Fotoausstellung macht Wohnungslosigkeit in Würzburg sichtbar
Am bundesweiten Tag der wohnungslosen Menschen haben Bürgermeister Joachim Spatz und Sozialreferentin Eva von Vietinghoff-Scheel die Fotoausstellung „Mit anderen Augen – Wohnungslosigkeit sichtbar machen“ im Rathaus eröffnet.
„Der Aktionstag erinnert uns jedes Jahr aufs Neue daran, dass Wohnungslosigkeit kein abstraktes Thema ist, sondern die Lebensrealität von Menschen – auch hier, in unserer Stadt“, betont Bürgermeister Spatz in seinem Grußwort. Menschen in Wohnungsnot würden häufig übersehen, ihre Geschichten nur selten erzählt. Die Ausstellung will Menschen in Wohnungsnot ein Gesicht geben.
Zahl in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt
Wohnungslosigkeit stellt auch in Würzburg eine zunehmende gesellschaftliche Herausforderung dar: Nach Einschätzung der Stadt sind mehr als 1.000 Menschen in Würzburg wohnungslos. Damit hat sich die Zahl in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt. Besonders deutlich wird, dass Wohnungslosigkeit keineswegs nur alleinstehende Erwachsene betrifft: Fast 30 Prozent der erfassten Menschen sind Kinder und Jugendliche, 42 Prozent leben als Familie.
„Wohnungslosigkeit ist damit längst kein Einzelschicksal am Rande der Gesellschaft mehr, sondern betrifft Familien, Kinder, Menschen mitten unter uns“, unterstreicht von Vietinghoff-Scheel die Reichweite der Aufgabe.
Das Schul- und Sozialreferat der Stadt Würzburg ist für den Bereich der Wohnungs- und Obdachlosigkeit zuständig. Menschen, die angeben, obdachlos zu sein, muss die Stadt eine geschützte Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stellen. Darüber hinaus arbeiten städtische Mitarbeiter eng mit zahlreichen freigemeinnützigen Trägern zusammen, um Betroffene professionell und menschlich zu unterstützen.
Mangel an bezahlbarem Wohnraum
Trotz dieser Hilfsangebote könne die gegenwärtige Situation nicht zufriedenstellen. Eine zentrale Herausforderung bleibe der Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Auch auf europäischer Ebene rückt das Thema zunehmend in den Fokus: 51 Prozent der in Städten lebenden EU- Bürger betrachten den Mangel an bezahlbarem Wohnraum als ernstes Problem. „Der Mangel an Wohnraum kann und muss nun endlich angegangen werden“, so die Forderung der Sozialreferentin.
Gleichzeitig sei es wichtig, die Öffentlichkeit stärker über die Situation wohnungsloser Menschen zu informieren. Hier will die Ausstellung „Mit anderen Augen“ ansetzen. Die Fotografien zeigen Menschen, Gesichter und persönliche Geschichten. Sie machen sichtbar, was im Alltag häufig unsichtbar bleibt, und ermöglichen eine unmittelbare Begegnung mit den Lebenssituationen wohnungsloser Menschen.
Die Idee zur Ausstellung ist aus dem Arbeitskreis „Menschen ohne Wohnung“ heraus entstanden. In dem Arbeitskreis sind verschiedene Akteure der Würzburger Wohnungslosenhilfe organisiert. Besonderer Dank gilt der Fotografin Sabine Hartl für ihren sensiblen Blick sowie den beiden Betroffenen, die ihre Perspektiven eingebracht haben und Fotos ihrer Lebenssituation beigesteuert haben.
„Wohnungslosigkeit kann jeden treffen“
Für die Kooperation und die gemeinsame Umsetzung der Ausstellung dankte die Sozialreferentin zudem der Streetwork Würzburg, der Christophorus Gesellschaft, der Bahnhofsmission, den Oberzeller Franziskanerinnen und der Caritas.
Vertreterinnen und Vertreter der Organisationen unterstrichen ebenfalls die prekäre Lage vieler Wohnungsloser. Johanna Anken von der Bahnhofsmission wies darauf hin, dass es unterschiedlichste Gründe für Wohnungslosigkeit gäbe. Oft habe sie ihren Anfang in einem Brief – sei es eine Eigenbedarfskündigung des Wohnungseigentümers, eine Kündigung des Arbeitgebers oder Scheidungspapiere des Partners. Auch Schicksalsschläge führen dazu, dass ein Problem erwächst, das auf einmal nicht mehr alleine stemmbar ist. Ihr Fazit: „Wohnungslosigkeit kann jeden treffen.“
Eva Schießer von der Caritas berichtete, dass es zunehmend schwieriger werde, für kinderreiche Familien bezahlbaren Wohnraum zu finden. Etwas außerhalb der Stadt werde zwar mitunter Wohnraum angeboten, dann bestehe aber das Problem des Transfers zum und vom Arbeitsplatz, der meist in der Stadt liege. Um auf die Lage wohnungsloser Jugendlicher aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren, bietet Schießer Stadtrundgänge zum Thema „Wohnungslosigkeit“ an.
Ausstellung noch bis zum 29. September
Die Ausstellung „Mit anderen Augen – Wohnungslosigkeit sichtbar machen“ kann noch bis zum 29. September in den Gängen des Rathauses besichtigt werden. Öffnungszeiten: montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr, freitags von 8 bis 13 Uhr. Die Gänge sind – außer dem Treppenhaus – barrierefrei erreichbar. Der Eintritt ist frei.



