Metal-Szene in Würzburg: Totgesagte leben länger!

Begeisterte Fans beim Headliner Blind Guardian. Foto Waldmann

Die Metal-Szene in Würzburg: Lebendiger denn je – selbst in Zeiten der Pandemie

Würzburg kennt jeder! Die meisten vom Vorbeifahren auf der Autobahn. Doch die Bischofsstadt am Main hat wesentlich mehr zu bieten als Kirchen, Wein und Frankenidyll.

Bereits seit Jahrzehnten kommen hier Fans der härteren Musikrichtung regelmäßig auf ihre Kosten.

Metallica, Slayer und Guns’n’Roses in Würzburg

In den 1980er und 1990er Jahren traten hier Bands auf, die später Stadien füllten, so zum Beispiel Metallica, Judas Priest, Slayer und Guns n‘ Roses. Und auch in den folgenden Jahrzehnten wurde es kein bisschen leiser. Von 2000 bis 2007 lockte das Up from the Ground Festival, veranstaltet von den Mitgliedern der Band Final Breath, mit bis zu 10.000 Besuchern nach Gemünden am Main. Parallel zu größeren Outdoor-Veranstaltungen lebte die vermeintliche Subkultur durch kleinere Festivals und Einzelkonzerte in Locations wie dem Immerhin, B-Hof, Cairo oder der Posthalle am Bahnhof. Möglich war und ist das nur durch eine treue Fangemeinde und Veranstalter, die sich überdurchschnittlich und mit viel Herzblut engagieren.

Langwierige Planung mit vielen Unsicherheiten

Vorletztes Wochenende bewies diese eingeschworene Szene wieder eindrücklich, was selbst in schwierigen Zeiten und unter widrigsten Umständen innerhalb kürzester Zeit machbar ist.

Am 19. und 20. November konnte nach wochenlanger Vorbereitung der Veranstalter Oliver Weinsheimer und Tarek Maghary das Keep It True Rising-Festival in den Würzburger Posthallen stattfinden. Bis zuletzt war die Planung des Festivals für das gesamte Team nervenaufreibend. Der Austragungsort wurde von Lauda-Königshofen nach Würzburg verlegt, sich immer wieder ändernde Einlassbeschränkungen mussten organisiert werden. Zudem schwebte das Damoklesschwert einer möglichen Absage bis zuletzt über allem. Umso glücklicher waren die Veranstalter als sich unter strikter 2G Plus Regelung die Tore am Freitag endlich öffneten. Für 19 internationale Bands, darunter Szenegrößen wie Hellhammer aus der Schweiz, aber auch für Newcomer wie Nestor aus Schweden und für ein ebenso internationales Publikum. Fast alle Fans nahmen dafür eine lange Anreise in Kauf. Sei es aus Nachbarländern wie den Niederlanden, Belgien, Österreich und der Schweiz, oder aus Griechenland, Spanien, der Türkei, Italien und Schweden. Einige reisten sogar aus Chile und Mexiko an, um an diesem Event teilzunehmen.

Die Festspiele des Heavy Metal

Auf der Facebook-Seite der Veranstaltung beschreibt ein Fan bereits im Vorfeld die Tragweite der Veranstaltung treffend: „Was die Bayreuther Festspiele für Wagnerianer sind, ist das Keep It True für Heavy Metal Fans!“

Nicht ganz so fein wie in Bayreuth ging es in und vor der Posthalle zu. Der Aufmarsch auf der Rampe zur Posthalle war dennoch ähnlich beeindruckend wie der zum Grünen Hügel. Es waren viele außergewöhnliche Frisuren zu bestaunen und auch hier dominierte Schwarz die Garderobe. Statt Perlen, Gold und Seide fand man jedoch eher Nieten, Ketten und Leder. Im Bayreuther Festspielhaus ist der Fußboden zwar durchgängig begehbar, ohne dass man in Alkoholpfützen kleben bleibt, die Stimmung in den Posthallen war aber mit Sicherheit ausgelassener und herzlicher. Selbst die Security wirkte entspannt und lächelte gar auf regelmäßiger Basis. Kein Wunder, denn die Atmosphäre war durchgehend friedlich, nur in der ersten Reihe mussten vereinzelte Crowdsurfer abgefischt werden. Von Gewalt und Aggression gab es trotz teilweise derbem Aussehen und der harten Musik beim Publikum keine Spur.

Einzigartigkeit statt Profit

An beiden Tagen des Festivals war die positive Stimmung bei Bands und etwa 1.800 Fans spürbar. Man hatte das Gefühl an einer Art Familientreffen teilzunehmen. Sowohl die Musiker als auch deren Anhänger zeigten sich überglücklich mal wieder live spielen bzw. erleben zu dürfen. Zusätzlich spielte es auch eine Rolle, dass sich das Keep It True dadurch auszeichnet, nicht profitorientiert möglichst trendige Bands zu buchen, sondern immer größten Wert auf eine besondere Bandauswahl zu legen. 2003 als Festival „von Fans für Fans“ gegründet, wurde dieses Konzept nicht selten belächelt. Die Idee, Bands zu verpflichten, die seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetreten sind, noch nie in Europa gespielt hatten oder absolute Newcomer sind, fand jedoch schnell regen Anklang. Das Festival wurde zum Selbstläufer und meist waren die Karten für das Folgejahr bereits am ersten Tag des Vorverkaufs schon vergriffen. Möglich ist das nur durch die Leidenschaft der Veranstalter für den Metal. Oliver Weinsheimer ist durch seine jahrzehntelange Aktivität in der Szene als Musiker, Journalist und in diversen Foren und Social-Media-Kanälen bestens vernetzt und teilweise verbinden ihn auch enge Freundschaften mit den Musikern. So wundert es nicht, dass diese für das Keep It True und für die beiden anderen von ihm mitorganisierten Festivals – Hammer of Doom und Metal Assault – oft das Unmögliche möglich machen.

Zusammenhalt und Familiengefühl

Die Fans wissen diesen enormen Aufwand und die exklusive Bandauswahl zu schätzen und halten dem Festival und den Veranstaltern auch in schweren Zeiten die Treue. So gab es beispielsweise für das 2020 aufgrund von Corona ausgefallene Festival keine einzige Ticketrückgabe. Auch in der für viele Fans zu ruhigen Zeit des Lockdowns ließen sich Weinsheimer und Co. etwas einfallen und riefen Keep It True-TV ins Leben. Dort brachten alte und neuere Konzertmitschnitte, Grußbotschaften und Videos zumindest etwas Metal-Atmosphäre in das Leben der Fans. Für alle, die dieses Jahr nicht teilnehmen konnten, gab es erstmalig die Möglichkeit, einen Großteil des Festivals per Live-Stream zu verfolgen, wovon auch 450.000 Mal Gebrauch gemacht wurde. Ein weiterer Beweis für die Größe und Lebendigkeit der Szene.

Das letzte Mal Heavy Metal in unserem Leben?

„Das letzte Mal Heavy Metal in unserem Leben!“ Mit diesen leicht melancholisch gebrüllten Worten verließ ein Fan euphorisch-wankend die Halle. Trotz der düsteren Aussichten in Hinblick auf die Pandemie, bleibt die große Hoffnung, dass er Unrecht behält und auch nächstes Jahr wieder die Festspiele des Heavy Metal und andere Konzerte in Würzburg stattfinden werden.

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