Das Corona-Paradoxon: Zu viel Sicherheit ist gefährlich

Noch 2012 errechnete eine Risikoanalyse, dass es im Falle einer Sars-Pandemie erst drei Jahre nach den ersten Erkrankungen einen Impfstoff geben würde. 2020 hat es nur ein Jahr gedauert", sagt die Würzburger Professorin Hildegund Keul. "Welch ein Glück! Ein Hoch auf die Virologie!" Bild von DoroT Schenk auf Pixabay

In der Corona-Pandemie lebt unsere Sicherheitsgesellschaft mit einem Paradoxon, das für viele Menschen tödlich ausgehen könnte, sagt die Würzburger Professorin Hildegund Keul

„In Zeiten von Corona ist es alltäglich zu spüren: Deutschland leidet am Verletzlichkeitsparadox“, sagt Hildegund Keul, Professorin für katholische Theologie an der Universität Würzburg. Dieses Paradoxon besagt: Je mehr eine Gesellschaft abgesichert ist und je besser ihre Lebensumstände dadurch sind, desto verwundbarer wird sie im Schadensfall.

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Mit der Verwundbarkeit von Menschen und Gesellschaften befasst sich Professorin Hildegund Keul von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Würzburg. Foto privat

„Leider wirkt sich dieses Paradoxon in einer Pandemie besonders stark aus“, sagt die Professorin. Sie forscht in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt interdisziplinär über die Verwundbarkeit von Menschen und Gesellschaften.

Die Problematik verschärfe sich sogar noch, weil das Verletzlichkeitsparadox auch sozialpsychologische Folgen hat: In gut gesicherten Gesellschaften steigt der Anspruch der Menschen, geschützt zu werden. Dagegen sinkt die Bereitschaft, selbst aktiv zu werden und an der Bewältigung der Krise mitzuwirken, solange die Krise eben dauert. „Zu einer gewissen Mitwirkung ist man bereit, aber letztlich hält man den Staat für zuständig“, so Hildegund Keul.

„Wir haben keine Geduld mehr“

Was dieses Paradoxon in der Corona-Pandemie für uns alle bedeutet, hat die Professorin in einem Gastbeitrag für den „Kölner Stadtanzeiger“ erörtert:

„Die Regierung, das Parlament, die Wissenschaften sollen das Problem nach einem Jahr endlich in den Griff kriegen. Wir wollen aus dem Zugriff der Pandemie endlich heraustreten. Wir haben keine Geduld mehr. Wir wollen endlich wissen, wann wir zur Normalität zurückkehren können. Die Fehlertoleranz der Politik gegenüber sinkt unter den Nullpunkt. Aber wie soll man eine Pandemie in den Griff bekommen in so kurzer Zeit und bei der enorm hohen Komplexität, mit der eine Pandemie alle Bereiche der Gesellschaft herausfordert, und das weltweit?

Die neueste Machtwirkung des Paradoxes: Menschen lassen Impftermine sausen, weil sie Vorbehalte gegen den Impfstoff der Firma AstraZeneca hegen. Deren Serum ist hoch wirksam, kann schnell unter einfachen Bedingungen verimpft werden und ist gut verträglich.

Ist das Beste für uns nicht gut genug, weil es eventuell noch ein Allerbestes geben könnte? Man bleibt lieber der Ansteckungsgefahr ausgesetzt und hofft auf einen hundertprozentigen Schutz, weil ein niedrigerer Schutz nicht ausreicht – wir leben schließlich in einer Sicherheitsgesellschaft“, beschreibt die Wissenschaftlerin eine Auswirkung des Corona-Paradoxon.

Prophylaktisch ein drittes Mal impfen?

„Besonders perfide wirkt die Idee, prophylaktisch Menschen ein drittes Mal zu impfen, weil in wenigen Monaten genug anderer Impfstoff zur Verfügung steht. Genug für wen? Eine dritte Impfwelle, die ohne medizinische Notwendigkeit geschieht, würde Millionen Menschen aus anderen Ländern, die weniger impfprivilegiert sind, noch mehr Impfstoff entziehen. Die den Impfstoff am dringendsten brauchen, würden ihn nicht bekommen; zur Verfügung gestellt würde er denen, die bereits geschützt sind. Dieses Paradox könnte für viele Menschen tödlich ausgehen.

Was also hilft? Mehr Wertschätzung der Schutzstrategien, die uns so selbstverständlich zur Verfügung stehen. Wenn ich persönlich in die Falle des Verletzlichkeitsparadoxes tappe, und auch mir passiert das in der Pandemie häufiger, dann führe ich mir vor Augen, wie unglaublich gut die Schutzstrategien in Europa und speziell in Deutschland wirken.

In kürzester Zeit wurden wir von der Virologie darüber informiert, was wir tun können, um Ansteckungen zu verhindern. Im Berlin und London der 1830 und 1840er-Jahre versuchte man die Cholera noch über die Luft zu bekämpfen, weil man die Ursache in üblen Dämpfen vermutete – dabei kam der Erreger aus dem Trinkwasser. Selbstverständlich dauert es auch heute ein paar Wochen, um die richtigen Schutzstrategien zu finden (Maske? Nein. Maske? Ja, unbedingt!). Aber es dauert nur ein paar Wochen, und nicht wie damals Jahrzehnte. Selbst wenn es nicht hundertprozentig wirkt: Heute wissen wir, wie wir uns gut schützen können.“

Ein Hoch auf die Virologie

„Dass uns sehr bald schon flächendeckend Impfstoffe zur Verfügung stehen, ist im Vergleich zu den letzten Jahrhunderten ein Riesenfortschritt. Noch 2012 errechnete eine Risikoanalyse, dass es im Falle einer Sars-Pandemie erst drei Jahre nach den ersten Erkrankungen einen Impfstoff geben würde. 2020 hat es nur ein Jahr gedauert. Welch ein Glück! Ein Hoch auf die Virologie!

Viele Menschen trifft die Pandemie auch in Deutschland hart. Aber parteipolitische Empörungsrhetorik hilft gar nichts. Gerade weil Menschen hart getroffen sind, sollten wir uns darauf konzentrieren, die destruktiven Wirkungen der Pandemie gemeinsam zu bewältigen.“

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