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Reportage

„Dagegen ist Corona ein Klacks“: Wie die Männer aus dem Johann-Weber-Haus ihre persönlichen Krisen bewältigen

Stefan Nothegger ist froh, dass die Holzwerkstatt wieder geöffnet hat. Foto Günther Purlein

Nie hätte Karl-Heinz Maier gedacht, dass er einmal in ein so riesiges Dilemma geraten könnte. Er hatte einen guten Job. Ein Haus. War 20 Jahre lang verheiratet. Doch er konnte vom Alkohol nicht lassen. Maier sank durch sein Trinken tief. „Ich war in der Hölle“, sagt der 63-jährige Bewohner des Würzburger Johann-Weber-Hauses. Maier hat vier Jahre Gefängnis und drei Monate in einer Obdachlosenunterkunft hinter sich. Die Corona-Krise ist für ihn im Vergleich zu dem, was er erlebt hat, ein „Klacks“.

Nach der Haftentlassung habe es für ihn nicht die Spur einer Chance gegeben, wieder Fuß zu fassen, erzählt der Unterfranke: „Ich fand nicht einmal eine billige Pension für ein paar Wochen.“ Er, der jahrelang in die Sucht verstrickt war, landete im Mehrbettzimmer einer Obdachlosenunterkunft. Alle außer ihm tranken. Maier versuchte, lediglich zum Schlafen im Zimmer zu sein: „Ich war den ganzen Tag unterwegs.“ Mitten im Winter. Bei Minusgraden. Fast ohne Geld. Endlich, im Februar, kam der erlösende Anruf: „Im Johann-Weber-Haus wurde ein Platz für mich frei.“ Maier zog ein. Als einer der letzten Bewohner. Wegen Corona musste das Haus kurz danach schließen.

Sozialtherapeutische Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft

So, wie Diabetiker eine strenge Diät einhalten müssen, muss Karl-Heinz Maier strikt darauf achten, dass er keinen Alkohol mehr anrührt. In der sozialtherapeutischen Einrichtung der Christophorus-Gesellschaft fällt ihm das nicht schwer, denn hier ist Alkohol tabu. Vor allem findet er im Johann-Weber-Haus immer jemandem zum Reden. In den letzten Jahren, sagt Maier, hat er viel geredet. Hat er in der JVA oder auf Therapie das Gespräch gesucht, um dahinter zu kommen, warum er dem Alkohol verfallen war. Heute weiß er, was ihn dazu getrieben hat: „Bei mir ging immer alles zu schnell, ich wollte immer höher und weiter.“ Maier trank, um den enormen Druck zu ertragen.

Der gelernte Straßenbauer weiß, dass er nun am Ball bleiben muss. Denn wer einmal alkoholabhängig war, schwebt immer in der Gefahr, rückfällig zu werden. Maier ist seit inzwischen fünf Jahren trocken. Ein Rückfall wäre fatal. Er würde ihn womöglich zurück in die „Hölle“ katapultieren. Maier: „Das Johann-Weber-Haus ist nun meine Basis, von der aus ich mir ein neues Leben aufbauen möchte.“

Karl-Heinz Maier hat im Johann-Weber-Haus endlich Hilfe gefunden. Foto Brigitte Abt

Mit dem Schicksal nicht alleine dastehen

Maier ist fest davon überzeugt, dass er es schaffen wird, sich vollends aus dem Schlamassel, in den er hineingeraten war, zu befreien. Wenngleich es dafür viel Ausdauer braucht. Im Johann-Weber-Haus sieht er, dass er mit seinem Schicksal nicht alleine dasteht. Viele der 24 Bewohner haben Katastrophales hinter sich. Viele waren tief unten. Und arbeiten sich nun mühsam wieder heraus. Für einen großen Teil ist laut Einrichtungsleiterin Brigitte Abt denn auch charakteristisch, dass sie die Corona-Krise als kein absolutes Schreckensszenarium betrachten: „Unsere Bewohner sind Krisen gewöhnt, wie auch unser Team krisengeübt ist.“

Die meisten Bewohner wissen, was es heißt, in Armut zu leben. Und zwar nicht nur in Bezug auf das Materielle. Nie über genug Geld zu verfügen, ist schlimm genug. „Ein großer Teil unserer Bewohner hat außerdem so gut wie keine sozialen Kontakte“, schildert Brigitte Abt. Die Kontaktbeschränkung während der Hochphase der Krise kümmerte sie deshalb kaum. Im Gegenteil. Manch einem rutschte im Gespräch mit den Mitarbeitern des Johann-Weber-Hauses heraus: „Nun wissen die anderen mal, wie das ist, wenn man niemanden hat.“

Weiterhin ist Vorsicht geboten, damit sich das Corona-Virus nicht explosiv verbreitet. Deshalb läuft der Alltag im Johann-Weber-Haus nach wie vor nicht so, wie die Männer das vor Ausbruch der Krise gewohnt waren. Immerhin sind Aufnahmegespräche mit Genehmigung des Gesundheitsamtes wieder möglich. Worüber Brigitte Abt froh ist. Warten doch weitere Männer, wie zu Jahresbeginn Karl-Heinz Maier, darauf, endlich einen Platz zu finden, wo sie zur Ruhe kommen und sich stabilisieren können.

Endlich wieder arbeiten: „Ein Hochgenuss.“

In Einzelfällen hatte sich die persönliche Lage der Bewohner durch die Krise zugespitzt. So war es bei Thomas A. Auch er hat mit Süchten zu kämpfen. Anders als Karl-Heinz Maier ist er jedoch noch nicht stark genug, den inneren Zwang nach Alkohol zu beherrschen. In den letzten Wochen war der Suchtdruck für Thomas A. schier unerträglich, schildert Stefan Nothegger, der die Holzwerkstatt des Johann-Weber-Hauses leitet: „Er kam gar nicht damit klar, dass sein Tag keine Struktur mehr hat.“ Thomas A. war bis Mitte März in der Holzwerkstatt beschäftigt. Dann musste auch diese Einrichtung schließen. Thomas A. fiel in ein Loch.

Endlich wieder arbeiten zu dürfen, ist für Thomas A. gerade ein Hochgenuss: Seit Anfang Mai ist die Holzwerkstatt wieder geöffnet. Arbeit gibt es genug, blieb doch vieles liegen. Im Moment montiert Thomas A. Beschläge auf ein Möbelstück, das in der Werkstatt restauriert wurde. Das liebt er. Wie er es auch liebt, mit den Jungs von der Werkstatt Brotzeit zu machen. Das geschieht an einem großen, frisch gezimmerten „Corona-Tisch“, der so viel Platz bietet, dass der Mindestabstand locker eingehalten werden kann.

Text: Günther Purlein

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