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Reportage

DAHW: „Viele werden leise sterben“

Foto Mario Schmitt / DAHW

Auf den ersten Blick haben die Mandatskrankheiten der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe nicht viel mit Covid-19, verursacht durch das neuartige SARS-CoV2-Virus, zu tun: Tuberkulose, Lepra und einige andere vernachlässigte Tropenkrankheiten, die von der DAHW werden, sind bakterielle Infektionskrankheiten, die mit Antibiotika behandelbar sind und vor allem Menschen in ärmeren Ländern treffen.

Doch inzwischen ist die Krankheit, für die es aktuell kein Heilmittel und keine Impfung gibt, in vielen Einsatzländern der DAHW in Afrika, Asien und Lateinamerika angekommen und wird hier möglicherweise verheerende Folgen für die Menschen haben. Das Würzburger Hilfswerk setzt alles daran, die besonders vulnerablen Menschen in ihren Projekten – Patienten, Menschen in Armut, Menschen mit Behinderungen – dennoch bestmöglich zu schützen.

Ist Covid-19 die Krankheit der Armen?

Während in Deutschland ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen zur „Risikogruppe“ zählen, sind es in den Einsatzländern der DAHW bereits erkrankte Menschen und eigentlich alle, die in ärmlichen Verhältnissen auf kleinem Raum leben müssen, mit schlechtem Zugang zu Wasser, zu grundlegender Hygiene und zu ausreichender Ernährung. Also ein erheblicher Anteil der Bevölkerung, und praktisch alle Geflüchteten weltweit. Diese Menschen haben keine Reserven – weder gesundheitlich, finanziell noch materiell – um mit den Folgen einer schnellen Ausbreitung des Coronavirus und den nationalen Schutzmaßnahmen fertig zu werden.

Die Ausbreitung jedoch lässt sich unter den widrigen Umständen kaum verhindern: Einfachste Präventivmaßnahmen wie gründliches Händewaschen sind aufgrund von Wassermangel und fehlender Seife nicht durchführbar. Auch einen Mindestabstand kann man in der extremen Enge von ärmlichen Behausungen, Slums oder auch Gefängnissen nicht einhalten. „Insbesondere in den völlig überfüllten, zum Teil riesigen Flüchtlingscamps in unseren Projektregionen in Afrika und Asien, aber auch in Europa und im Mittleren Osten haben die Menschen keine Chance, sich an das sogenannte Social Distancing oder besser Physical Distancing zu halten“, stellt DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm klar.

Keine Arbeit, kein Geld, keine Grundversorgung

Darüber hinaus sind die Menschen direkt von der täglichen Arbeit abhängig – Home-Office, Kurzarbeit oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: Fehlanzeige. Wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie kein Geld. Burkard Kömm prognostiziert: „Sehr viele können für sich und ihre Familien keine Lebensmittel mehr herstellen oder kaufen, weshalb Hunger eigentlich die größere Bedrohung darstellt, als das Coronavirus selbst.“

Auch einen Transport zum oft weit entfernten Krankenhaus, eine Behandlung und Medikamente können sich die meisten gar nicht leisten. Und Menschen mit Behinderungen trifft es oft noch härter: Sie sind in vielerlei Hinsicht auf Unterstützung von Kontaktpersonen angewiesen, Abstandsregeln zum Schutz vor einer Infektion sind für sie keine Option.

Wenn Gesundheitssysteme kollabieren

„Wer sieht, vor welche Herausforderung die Corona-Pandemie hiesige gut aufgestellte Gesundheitssysteme stellt, der braucht nicht viel Fantasie, um sich die Situation in Ländern mit schwächeren Infrastrukturen vorzustellen,“ sagte Burkard Kömm anlässlich des Welt-Tuberkulose-Tages im März 2020. In den Einsatzländern der DAHW gibt es so gut wie keine zusätzlichen Kapazitäten, kaum Schutzausrüstung für das Personal, eine limitierte Anzahl von Tests und nur ganz wenige intensivmedizinische Behandlungsmöglichkeiten, die meist nur in großen Städten verfügbar sind.

Einer Epidemie, wie sie beispielsweise 2014 mit Ebola in Afrika ausbrach, sind diese fragilen Systeme nicht gewachsen, die medizinische Behandlung bricht zusammen. „In der Folge sterben Menschen an eigentlich heilbaren Erkrankungen oder Verletzungen, Frauen verlieren ihr Leben aufgrund von Geburtskomplikationen“, so Kömm. Am Ende koste das deutlich mehr Menschenleben als das Virus selbst. „Entscheidend ist, dass die Kapazitäten zur Krisenreaktion vorhanden sind – und die müssen vor dem Ausbruch einer Epidemie oder Pandemie aufgebaut werden!“ Es brauche Schulungen und Schutzausrüstung für die vorerkrankten Risikogruppen, die pflegenden Angehörigen und Gesundheitsmitarbeiter sowie funktionierende Frühwarnsysteme.

Foto Mario Schmitt / DAHW

Helfen im Ausnahmezustand

Überlastete Gesundheitsstationen, Mangel an Schutzausrüstung, strikte Ausgangssperren: Die Menschen, die im Fokus der Arbeit der DAHW stehen, zählen aufgrund von Krankheit, Behinderung, Armut und Ausgrenzung zu den vulnerabelsten (verletzlichsten) Personengruppen und sind bereits jetzt massiv von den Auswirkungen der Krise betroffen. Zusammen mit ihren Partnerorganisationen vor Ort sucht die DAHW unter Hochdruck nach Lösungen, um gerade sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen.

Die bisherigen, kurzfristig umgesetzten Maßnahmen sind vielfältig: In Indien wurden an „gestrandete“ Wanderarbeiter Lebensmittelpakete verteilt, in Uganda werden Medikamente (kontaktlos) zu Patienten nachhause geliefert, in Gefängnissen in Togo wird Schutz- und Desinfektionsausrüstung verteilt und in Afghanistan gab es bereits im Februar eine Corona-Schulung für Gesundheitspersonal. Weitere Maßnahmen werden in Kürze starten.
„Auch wenn wir Covid-19 selbst in unseren aktuell 20 Einsatzländern nicht behandeln, können wir dazu beitragen, dass marginalisierte Menschengruppen im Zuge der Pandemie nicht vergessen werden und die Not lindern“, bekräftigt Burkard Kömm, seit zehn Jahren Geschäftsführer des 1957 in Würzburg gegründeten Hilfswerks. „Wir haben die Jahrzehnte lange Erfahrung und die erforderlichen lokalen Netzwerke, um bedarfsgerechte Hilfe zu leisten und die Lücken in der nationalen Gesundheitsversorgung zu schließen. Das kommt uns und damit unseren Begünstigten in dieser aktuellen Krise zugute.“

Weitere Informationen auf www.dahw.de/Corona

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